Was unsere Kinder alles können müssen

Kinder Kinder sein lassen

In diesem Beitrag möchte ich davon berichten, was unsere Kinder alles können müssen. Kürzlich war ich als Übersetzerin an einem Vorschulanlass für Eltern unterwegs, deren Kinder in den nächsten 2 Jahren in den Kindergarten kommen. Die Liste der Voraussetzungen, die die Kinder dafür mitbringen müssen, war lang: sich selber anziehen können, selber aufs WC gehen können, den Znüni selber auspacken und essen können, Hilfe annehmen können von Erwachsenen, selbständig sein, zumindest die Grundlagen der Deutschen Sprache beherrschen, Konflikte ohne Gewalt lösen können, Grenzen kennen, Regeln respektieren, anständig sein, sich für mindestens 10 Minuten konzentriert einer Sache widmen können und rund 4 Stunden ohne Eltern auskommen können – natürlich ohne Nuggi. Wir sprechen hier von kleinen Kindern im Alter von 4 Jahren, die, wenn sie all die obigen Voraussetzungen mitbringen, die Arbeit einer Kindergärtnerin „erheblich erleichtern“ würden, wie am Anlass erklärt wurde. Nun, daran besteht kein Zweifel.

Ist die Liste der Dinge, die ein Kind schon vor dem Kindergarten können muss, nicht zu gross? Und was sind die Erwartungen an ein Kind nach dem Kindergarten? Ist das Ziel etwa, seine Kinder schon früh zu Schachweltmeistern zu trainieren, so wie es László Polgár aus Ungarn gemacht hat?

Frühförderung

Es stellt sich die Frage, wann man mit einer gezielten Förderung beginnen möchte. Was Uli Hauser in seinem Artikel über Kinderförderung gekonnt beschreibt, überzeugt: Kinder haben phänomenale Fähigkeiten, einen enormen Willen und ungeheuren Ehrgeiz. Jede neue Entdeckung, jede neue Kenntnis und jede neue Fähigkeit, löst im Gehirn von Kindern einen Sturm der Begeisterung aus. Dies ist der Treibstoff für die weitere Hirnentwicklung. Bekommen Kinder sofort eine Bestätigung, geht die Entdeckung unter die Haut und es werden emotionale Zentren und neuronale Netzwerke im Hirn aktiviert. Aus diesem Grund lernt jedes Kind all das besonders gut, worüber es sich begeistert.

Gemäss Hauser erwerben Kinder diese entscheidenden Fähigkeiten nur durch eigene Erfahrungen, beim Lösen von Problemen und der Bewältigung von Herausforderungen. Sie entstehen nicht auf ein Kommando, in der sogenannten Frühförderung oder später im Schulunterricht sondern im Spiel. Wichtig sei, dass ein Kind selber entscheiden kann, worauf es seine Aufmerksamkeit richten möchte. Dann entscheidet es selber, was ihm im Moment von all dem, was es wahrnimmt, ganz besonders gefällt und was es wirklich interessiert. Dann lernt es auch gern.

Die französische Art

Interessant ist auch Pamela Druckerman’s Buch über Kindererziehung („Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“, 2013). Als Amerikanerin in Paris ist sie erstaunt, wieviel Freiraum Kindern in Frankreich gegeben wird. Amerikanische Eltern seien häufig „Helikopter-Eltern“, die ihre Kinder mit ihrer Fürsorge und Lernprogrammen umkreisen wie Hubschrauber. Dabei sei es viel besser, Kindern viel Freiraum zu lassen, dabei aber klare Grenzen zu setzen. So ist die Schlafenszeit nicht verhandelbar, Kinder dürfen aber in ihrem Zimmer noch etwas aufbleiben und tun, was sie wollen. Eine andere Regel lautet: du musst am Tisch von allem auf dem Teller probieren, du musst aber nicht aufessen, wenn du nicht willst. Wieder, viel Freiheit bei einem klaren Rahmen. Auf übertriebene Förderung wird verzichtet. So wird beim Babyschwimmen nicht etwa Schwimmen gelernt, sondern den Kindern wird das Element Wasser einfach mal etwas näher gebracht. Kinder dürfen Kinder sein und bekommen die Zeit, die Sie für Ihre individuelle Entwicklung brauchen.

Kinder Kinder sein lassen

Kinder brauchen also viel Spiel, viele Herausforderung, die sie meistern müssen und Entscheidungsfreiheit. Gemäss Uli Hauser wird es Kindern später leichter gelingen, sich frei zu entscheiden, je intensiver sie als Kinder diese Erfahrung von eigener Entscheidungsfreiheit machen und in ihrem Hirn verankern konnten.

Zum Schluss noch ein kleiner astrophysischer Exkurs. So habe ich kürzlich über die Möglichkeit einer Hibernation der Sonne gelesen, also einer vorläufigen „Ruhephase“ der Sonne. Beim letzten National Astronomy Treffen in Wales haben Astrophysiker ein Modell vorgestellt, wonach unsere Sonne ab 2030 nur noch 60% ihrer Aktivität leisten wird. Wenn dem so ist, müssen wir mit kälteren Temperaturen auf der Erde rechnen und unsere Kinder sollten lernen Ski oder Snowboard zu fahren. Auch wenn wir unsere Kinder Kinder sein lassen, auf frühen Skiunterricht sollten wir vielleicht dennoch nicht verzichten.

Herzlichst,

YoungMum

 

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