Zeit für eine neue Familienpolitik

Familienpolitik

Fünf Monate sind bereits vergangen seit der Geburt meiner zweiten Tochter Vivienne. Mein teilweise unbezahlter Mutterschaftsurlaub von fast sechs Monaten neigt sich dem Ende zu. Gerne berichte ich von meiner persönlichen Erfahrung mit dieser wertvollen Arbeitspause und erläutere, warum es an der Zeit ist, ernsthaft über die Ausgestaltung des Mutterschaftsurlaubs in der Schweiz zu diskutieren.

Mutterschaftsurlaub – Ferienzeit?

Beim Abschied im Büro vor meinem Mutterschaftsurlaub meinte ein Arbeitskollege vorwurfsvoll: „Du hast jetzt einfach Ferien!“. Gerne erläutere ich allen Leuten, welche das genauso sehen, wie es in Wahrheit aussieht. Nicht zu vergessen, dass ich kugelrund im neunten Monat war, an allen möglichen Schwangerschaftsleiden litt und kurz vor der Geburt, also der grössten psychischen und physischen Belastung meines Lebens stand. Nach der Geburt ist es erst mal vorbei mit Durchschlafen, eigenen Bedürfnissen und Zeit für sich. Das Zeitfenster von 1-2 Stunden, in denen das Kind seinen Mittagsschlaf hält, wird für Hausarbeit genutzt. Man kocht Mittagessen, kocht eine Extrawurst für das ältere Geschwisterchen und wäscht dann elend lang ab und muss den Boden nass aufnehmen. Und weil es bei Mama am schönsten ist, trägt man das Baby oft viele Stunden auf dem Arm. Jeden Abend fühlt man sich erledigt, hässlich, schmutzig und ausgebrannt. Diese Arbeitsabwesenheit als Ferien zu bezeichnen, finde ich ziemlich daneben.

Eine wichtige Aufgabe zu Hause

Die Zeit zu Hause ist überaus wichtig. Ein Kind braucht seine Eltern, es braucht Geborgenheit und Sicherheit. Es sollte in einer geordneten und sauberen Umgebung aufwachsen, einigermassen geregelte Tagesabläufe haben, Zeit draussen verbringen und gefördert werden. Ein Kind muss lernen, was gut und was schlecht ist und wie es ist, in einer Gemeinschaft zu leben. Es ist wichtig, dass die Eltern eine entsprechende Umgebung für das Kind schaffen und dass wenigstens ein Elternteil eine gewisse Zeit lang zu Hause sein kann, um sich diesen Aufgaben anzunehmen. Der Mutterschaftsurlaub kommt aber nicht nur der Familie zugute. Ich bin jemand, der immer gerne und viel arbeitet und wenn es nötig ist, ohne Wenn und Aber Überstunden macht. Der Mutterschaftsurlaub hat mich daran erinnert, dass es neben dem üblichen Alltagstrott im Büro auch noch ein anderes Leben gibt. Setzt man Kinder auf die Welt, ist es definitiv Zeit für einen «Reset».

Die Praxis in der Schweiz ist reformbedürftig

In der Schweiz dauert der gesetzlich festgelegte Mutterschaftsurlaub 14 Wochen. Nach dieser Zeit ist das Baby nicht sehr viel grösser als bei der Geburt und immer noch fein und gebrechlich. Es braucht die Nähe seiner Mutter und es will gestillt werden. Bei beiden Kindern war ich jeweils fast ein halbes Jahr zu Hause. Das war meine eigene Entscheidung, mein Wunsch, es entspricht meinen Überzeugungen, meinen beruflichen Entwicklungsplänen und wurde von meinem Arbeitgeber akzeptiert. Ich nahm dafür nach Ablauf der offiziellen 14 Wochen unbezahlten Urlaub, was ich gerne und ohne mit der Wimper zu zucken machte. Doch muss das wirklich sein? Entweder nehme ich einen Einkommensausfall für meine Familie in Kauf oder ich lasse mein drei Monate junges Baby fremdbetreuen. Diese Praxis erscheint mir reformbedürftig. Der Blick auf unsere europäischen Nachbarn zeigt vielerorts eine weitaus progressivere Familienpolitik.

Elternurlaub und Elterngeld

In anderen europäischen Ländern wird der Mutterschaftsurlaub oft nicht nur länger bezahlt, sondern es werden auch die Väter miteinbezogen. Was hierzulande nicht existiert, hat sich in Europa längst etabliert: der Elternurlaub, den sich Mütter und Väter aufteilen. Für Väter existiert in der Schweiz keine gesetzliche Regelung und oft müssen sich Väter mit einem einzigen freien bezahlten Tag beglücken. Wie der Tagesanzeiger schreibt, überzeugt die Praxis in folgenden Ländern:

Island

Eltern erhalten insgesamt während neun Monaten Elterngeld, Mütter und Väter jeweils während drei Monaten. Danach können sie wahlweise noch weitere drei Monate beziehen. Der Einkommensausfall wird zu 80 Prozent kompensiert.

Schweden

Hier beträgt die Elternzeit 480 Tage. Je 60 Tage müssen Mütter und Väter beziehen, den Rest können sich die Eltern aufteilen. Die Elternzeit kann auch in Teilzeit bezogen werden. Für die ersten 390 Tage erhalten die Eltern 80 Prozent des Bruttolohns, danach während 90 Tagen rund 60 Euro pro Tag.

Deutschland

In Deutschland wird Elterngeld während maximal 14 Monaten gezahlt. Vater und Mutter können sich diese Zeit beliebig aufteilen. Ein Elternteil muss aber mindestens zwei und darf höchstens zwölf Monate beziehen. Der Einkommensausfall wird jedoch im Unterschied zur Schweiz nicht zu 80%, sondern nur zu 67% kompensiert.

Die Familie sollte einen höheren Stellenwert haben

Der Blick ins Ausland zeigt, dass die Schweizer Familienpolitik hinterherhinkt. Meiner Meinung nach sollte das Thema Familie und Kinder zu den wichtigsten Themen in einem Land gehören. Wie können wir uns für einen niedrigeren CO2-Ausstoss und bessere Luft einsetzen und nicht für die Wesen, die in Zukunft diese Luft einatmen werden? Familienplanung, Familienbildung, der Erhalt unserer Kultur und die Weitergabe unseres Wissens an unsere Kinder sollte den höchsten politischen und sozialen Stellenwert haben. Warum können wir keinen Schritt nach vorn machen und die Gegebenheiten für Familien etwas optimieren? Warum muss es für Frauen schwer sein, nach der Mutterschaftspause eine neue Stelle zu finden? Warum gibt es keinen gesetzlichen Vaterschaftsurlaub? Warum sind Kinderkrippen so teuer? Warum werde ich deshalb als Frau fast gezwungen, Teilzeit oder gar nicht zu arbeiten? Warum wird es gesellschaftlich wenig akzeptiert, wenn ich als Frau doch wieder arbeiten gehe? Es ist an der Zeit, unsere Familienpolitik und unsere Einstellung hinsichtlich Familienfragen zu überdenken.

Herzlichst,

YoungMum

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